St. Franziskus

Zum ersten Mal…

Endlich ist es soweit! Endlich darf Seppi* in den Kindergarten gehen. Seppi hat mit seinen Eltern gemeinsam die neue Kindergartentasche ausgesucht – einen blauen Rucksack mit einem roten Feuerwehrauto darauf. In der Tasche wartet eine Brotzeitbox und eine Trinkflasche auf den ersten Einsatz. Die neuen Hausschuhe hat Seppi mit seiner Oma gekauft – alles ist bereit für den Kindergarten.

 

Seppi ist schon drei Jahre alt und war noch nie in einer Kindertagesstätte. Schon oft ist er mit seiner Mama am Kindergarten St. Stephanus* vorbei gelaufen und immer hat er sehnsüchtig auf die spielenden Kinder im Garten gesehen. Seppi weiß schon, dass es zwei Rutschen und zwei Schaukeln gibt. Auch die großen Sandkästen und die vielen Fahrzeuge hat Seppi schon gesehen und am Schnuppernachmittag hat er so viel wie möglich mit den schönen Sachen gespielt.

Am ersten Kindergartentag ist Seppi mit seiner Mama schon ganz früh aufgestanden. Um 10 Minuten vor 8 drückt die Mama den Summer an der Eingangstür und die beiden gehen in den Kindergarten. Seppi kommt in die Bärengruppe*. Er muss eine Treppe hinaufgehen und die Mama hilft ihm bei der schweren Gruppentüre.

Die beiden großen Erwachsenen, die ihn und Mama an der Tür begrüßen – eine Frau und ein Mann – hat Seppi zwar schon einmal gesehen, aber kennen tut er sie noch nicht.

Ein bisschen scheu gibt er nach einigem Zögern seine Hand und lässt sich willkommen heißen. Mit seinen neuen Hausschuhen an den Füßen und an der Hand seiner Mama betritt Seppi das Gruppenzimmer. Oh – da sind ja schon Kinder da! Sie spielen auf dem Teppich mit den Duplos… das hätte Seppi auch gerne getan…, aber ob sie ihn einfach so mitspielen lassen…? Er zieht Mama zum Teppich und erst als sie sich auf einen der kleinen Stühle am Rand des Teppichs setzt, lässt sich Seppi auf die Knie fallen und krabbelt langsam zu der Duplobox. Mit den Augen hat er sich schon ein bestimmtes Feuerwehrauto ausgesucht – genauso eines, wie auf seiner Tasche ist.

Geschafft! Seppi schiebt erleichtert und ein bisschen stolz das große Feuerwehrauto mit der langen Leiter über den Teppich. Immer mehr Kinder kommen zur Tür herein. Manche von ihnen an der Hand ihrer Mutter, aber die meisten geben an der Tür ihrer Mama ein Bussi und gehen gleich zu der Frau und dem Mann, um ihnen die Hand zu geben. „Guten Morgen Frau Kastl*", „Guten Morgen Sebastian*", sagen die Kinder zu ihnen.

Mittlerweile wird es immer voller. Auf dem Teppich spielen jetzt schon 6 Kinder und Seppis Feuerwehrauto hat fast keinen Platz mehr, um seine Einsätze zu fahren. Seppi schiebt sein Fahrzeug jetzt zum Stuhl seiner Mama. Unter dem Stuhl hat er genug Platz, um zu spielen. Außerdem will er lieber in ihrer Nähe sein, denn gerade haben zwei große Jungs einen Streit um einen Betonmischer angefangen und Seppi hat sich über die lauten Schreie der beiden richtig erschrocken.

Im ganzen Raum spielen jetzt Kinder. Am Maltisch dürfen die Kinder echte Scheren benutzen und jeder darf so viel Glitzerschnipsel auf sein Blatt kleben, wie er mag. Das findet Seppi interessant, aber alle Plätze dort sind schon besetzt… An einem anderen Tisch spielen zwei Jungen und zwei Mädchen mit einem Würfel ein Brettspiel und in der Puppenecke kochen 3 Mädchen mit Knöpfen und Stoffgemüse auf dem Puppenherd. Immer wieder entdeckt Seppi neue Spielmöglichkeiten. Es gibt einen Puzzleteppich und eine große Magnetspielbox, eine Parkgarage,

eine Box mit schillernden Steinen, einen Spiegel zum Draufstellen, einen Schrank voller bunter Spiele… Am liebsten würde er alles ausprobieren!

Noch viele Seiten lang könnten wir nun Seppi durch seinen ersten Tag im Kindergarten begleiten. Das gemeinsame Aufräumen, das Händewaschen vor der gemeinsamen Brotzeit, der anschließende Morgenkreis, das Anziehen und in den Garten gehen, die ersten Kontaktaufnahmen zu den anderen Kindern und die Notwendigkeit, dass die Mama die ersten Stunden und manchmal sogar Tage als „sicherer Hafen" zur Verfügung steht, bevor sich Seppi selbstbewusst von seiner Mama am Morgen an der Türe verabschiedet und zum „richtigen" Kindergartenkind wird.

Das „kritische Lebensereignis"

Warum erzählen wir von Seppi? „Seppi" steht in dieser Geschichte für annähernd alle 2 und 3jährigen Kinder, die zum ersten Mal eine Kindertageseinrichtung besuchen – ein sogenanntes „kritisches Lebensereignis". Entwicklungspsychologisch sind Kinder um die 3 Jahre in einer sensiblen Phase für die Trennung von den ersten Bezugspersonen – ein idealer Zeitpunkt also, um mit dem Kindergartenbesuch zu beginnen. In dieser Zeit wird die Welt der Kinder „größer", das Kind wird unabhängiger von den Eltern einhergehend mit der sprachlichen Entwicklung, es interessiert sich zusehends für die Umwelt außerhalb des eigenen Bereichs, Kinder werden als Spielpartner interessanter als Erwachsene.

Der Übergang von zu Hause in den Kindergarten sollte idealerweise sanft stattfinden. Empirische Erhebungen zeigen, dass Kinder, die die Trennung von den Eltern in ihrem eigenen Tempo erleben durften, bei jeder zukünftigen Trennung (Übernachten bei Freunden, Schulbeginn, …) sich belastbarer zeigen, als Kinder, die eine aprubte und dadurch eventuell traumatische Trennung erleben mussten. Unser Kindergarten praktiziert den Übergang in Anlehnung an das „Berliner Eingewöhnungskonzept" und „Münchner Eingewöhnungsmodell" die einen sanften Übergang in den Kindergarten beschreiben.

„Auch die beiden bereits bestehenden Eingewöhnungskonzepte "Berliner Eingewöhnungskonzept" und "Münchener Eingewöhnungsmodell" beruhen auf den Forschungsergebnissen und Erkenntnissen der Bindungsforschung. Eine sichere Bindung ist ein psychischer Schutz für Kinder, auf den sie besonders dann zurückgreifen können, wenn das Leben sie mit psychischen Belastungen konfrontiert, wie z.B. bei einer Transition (Übergangsphase). Sie bietet das Fundament für eine gute Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation des Kindes in seiner Umgebung. Sicher gebundene Kinder sind belastungsfähiger, können leichter sozialen Kontakt aufbauen und halten, sind konfliktfähiger, ausdauernder und lernbereiter. Das Einfühlungsvermögen von sicher gebundenen Kindern ist aufgrund der Erfahrungen, die sie mit ihren Bezugspersonen gemacht haben, viel besser ausgeprägt, was ihnen im gesamten

Leben (auch später als Eltern) zu Gute kommt. „ Tanja Spieß, Sozialpädagogin B.A, Fachartikel aus „Kindergartenpaedagogik.de"

Auch in unserem Kindergarten durften wir in den letzten Jahren die erfreuliche Erfahrung machen, dass die Eingewöhnung in unsere Gruppen à la „Seppi" rascher zu einer harmonischen und förderlichen Atmosphäre führt und die Kinder gerne und mit „breiter Brust" täglich zu uns kommen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit den Kindern und den Erziehungspartnern auf allen Ebenen und wünschen allen Kindern, Eltern und KollegInnen einen guten Start in das Kindergartenjahr 2019/20!

zurück